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Weitere Informationen#23 Wenn der Sattel rutscht oder kippt: schwierige Rückenformen und erprobte Lösungen │ zu Gast bei Annika Hansen
In dieser Folge durfte ich erneut zu Gast bei Annika Hansen im Podcast sein, um über eines meiner absoluten Herzensthemen zu sprechen: Die Herausforderung, den wirklich passenden Sattel für „schwierige“ Rückenformen zu finden. Gemeinsam haben wir die Black Box des Saddle Fittings geöffnet und sind tief in die Anatomie und Biomechanik eingetaucht. Mein Ziel für dieses Gespräch war es, evidenzbasierte Erkenntnisse so zu übersetzen, dass du sie direkt im Stallalltag anwenden kannst. Du erfährst nicht nur das „Was“, sondern vor allem das „Warum“ hinter einer guten Passform, inklusive einer praktischen Faustformel für pferdefreundliches Nachgurten.
Wir haben im Gespräch verschiedene Extremfälle analysiert:
- Warum Sättel auf runden Pferden so leicht nach links/rechts rutschen
- Welche Rolle Kissenform, Kissenhärte und Baum-Stabilität spielen
- Hoher Widerrist + kurzer Rücken: Wann ein Sattel den Reiter in den Stuhlsitz setzt
- Araber & „Birnenform“: Was passiert, wenn die Gurtlage den Sattel nach vorne zieht
- Der unterschätzte Gamechanger: Schabrackenschlaufen und ihre Wirkung auf die Strupfen
- Westernsattel: Was es bedeutet, wenn sich das Pad unter dem Sattel rausarbeitet
- Warum Schiefe meist beim Pferd beginnt – und warum der Sattel trotzdem gerade bleiben sollte
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Saddle Summit, Ausbildung und modernes Sattelfitting
Warum Hands-on Erfahrung, Kommunikation und Wissenschaft zusammengehören
Die Sattelbranche befindet sich im Wandel. Während früher vor allem statische Beurteilungen, kurze Termine und klassische Messen im Fokus standen, wird heute immer deutlicher: Fundiertes Sattelfitting braucht mehr – mehr Tiefe, mehr interdisziplinären Austausch und vor allem mehr praktische Erfahrung am Pferd.
In dieser Podcastfolge spreche ich mit Anne van Boxtel, Master Saddle Fitterin aus den Niederlanden und Gründerin des Saddle Summit sowie eines spezialisierten Ausbildungsprogramms im Sattelfitting. Gemeinsam werfen wir einen differenzierten Blick hinter die Kulissen der Branche und diskutieren, wie moderne Ausbildung, evidenzbasiertes Arbeiten und echte Praxiserfahrung sinnvoll miteinander verbunden werden können.
Der Saddle Summit: Ein neues Eventformat für die Praxis
Ein zentraler Schwerpunkt unseres Gesprächs ist der Saddle Summit – ein bewusst anders konzipiertes Event rund um Sattelfitting. Anders als klassische Fachmessen, die oft stark produkt- und präsentationsorientiert sind, steht hier die praktische, hands-on Erfahrung im Mittelpunkt.
Das Besondere:
Sättel werden nicht nur präsentiert, sondern direkt am Pferd analysiert, aufgelegt und im Kontext realer Bewegungs- und Nutzungssituationen betrachtet. Saddle Fitter, Hersteller und Fachleute kommen in direkten Austausch – nicht abstrakt, sondern unmittelbar an der Schnittstelle zwischen Pferd, Sattel und Reiter.
Gerade diese Praxisnähe schafft ein deutlich tieferes Verständnis als rein statische Präsentationen. Man spürt, wie ein Sattel liegt, erkennt Unterschiede zwischen Pferdetypen und bekommt ein realistischeres Bild von Passform, Kompatibilität und Funktion.
Warum klassische Formate oft zu statisch sind
Ein wichtiger Punkt im Gespräch war die Kritik an traditionellen Messen und Trade Shows. Dort treffen zwar viele Fachpersonen aufeinander, doch der Austausch bleibt häufig oberflächlich und losgelöst von der tatsächlichen Anwendung am Pferd.
Aus fachlicher Sicht ist genau das ein Problem:
Sattelfitting ist kein theoretisches Konzept, sondern ein hochkomplexer, dynamischer Prozess. Ohne den direkten Bezug zum Pferd – seiner Anatomie, Muskulatur, Trainingssituation und Nutzung – bleibt jede Beurteilung unvollständig.
Ein immersives Format, bei dem echte Pferde, unterschiedliche Satteltypen und reale Fragestellungen zusammenkommen, ermöglicht dagegen ein deutlich tieferes Lernen und ein praxisnahes Verständnis.
Die zentrale Rolle des Saddle Fitters als Schnittstelle
Ein besonders spannender Aspekt war die Rolle des Saddle Fitters als Bindeglied zwischen:
- Hersteller
- Reiter:innen
- Trainer:innen
- Therapeut:innen
- und natürlich dem Pferd
In der Praxis wird häufig die Marke verantwortlich gemacht, wenn ein Sattel nicht funktioniert. Tatsächlich liegt die entscheidende Schnittstelle jedoch oft im Service – also im Sattelfitting selbst. Der Saddle Fitter übersetzt technische Eigenschaften in praktische Anwendung und muss komplexe Zusammenhänge verständlich kommunizieren.
Damit wird klar: Fachwissen allein reicht nicht aus. Kommunikation, Erwartungsmanagement und Beratungskompetenz sind essenzielle Bestandteile professionellen Sattelfittings.
Proaktiv statt reaktiv: Ein Paradigmenwechsel im Sattelfitting
Ein wiederkehrendes Thema war die Tendenz zu reaktiven statt proaktiven Anpassungen. Häufig wird ein Saddle Fitter erst dann gerufen, wenn bereits Probleme bestehen – etwa Leistungsabfall, Verspannungen oder Rittigkeitsprobleme.
Aus wissenschaftlich-praktischer Perspektive ist das suboptimal.
Gerade junge Pferde, Pferde im Trainingsaufbau oder in intensiven Entwicklungsphasen profitieren von regelmäßigen, präventiven Kontrollen. Veränderungen in Muskulatur, Training oder Management wirken sich unmittelbar auf die Sattelpassform aus.
Ein proaktiver Ansatz bedeutet:
- regelmäßige Re-Evaluation
- transparente Aufklärung der Besitzer:innen
- realistische Erwartungssteuerung
- langfristige Betreuung statt punktueller Intervention
Ausbildung im Sattelfitting: Theorie trifft Praxis
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Ausbildung zukünftiger Saddle Fitter. Moderne Programme kombinieren zunehmend:
- Online-Theorie (Biomechanik, Anatomie, Reiteranalyse)
- praktische Trainingstage am Pferd
- Fallanalysen und interdisziplinäre Perspektiven
Diese Kombination ist entscheidend, denn Sattelfitting lässt sich nicht rein theoretisch erlernen. Erst durch praktische Erfahrung entsteht ein echtes Verständnis für Druckverteilung, Bewegung, Kompensationsmuster und funktionelle Zusammenhänge.
Gleichzeitig wurde deutlich:
Nach einer Ausbildung ist man nicht „fertig“, sondern steht am Anfang eines kontinuierlichen Lernprozesses – vergleichbar mit vielen anderen komplexen Fachdisziplinen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit als Schlüssel zur Pferdegesundheit
Ein fundiertes Sattelfitting kann nicht isoliert betrachtet werden. Training, Hufbearbeitung, Reiterbalance, Nutzungshäufigkeit und physiotherapeutische Aspekte beeinflussen die Sattelsituation maßgeblich.
Deshalb ist die Kommunikation zwischen verschiedenen Berufsgruppen essenziell:
- Tierärzt:innen
- Therapeut:innen
- Trainer:innen
- Saddle Fitter
- und Reiter:innen
Wenn diese Disziplinen „unterschiedliche Sprachen“ sprechen, entstehen Missverständnisse – und im schlimmsten Fall langfristige Probleme für das Pferd. Ein interdisziplinärer Austausch, wie er beim Saddle Summit gezielt gefördert wird, kann hier eine wichtige Brücke schlagen.
Statische vs. dynamische Analyse: Ein wissenschaftlich fundierter Blick
Im Gespräch wurde auch die Bedeutung der strukturierten Analyse hervorgehoben.
Aus fachlicher Sicht liefert die statische Beurteilung zunächst grundlegende Informationen über Passform, Auflagefläche und Druckverteilung. Erst darauf aufbauend sollte die dynamische Evaluation erfolgen, die zusätzliche Aspekte wie Gangbild, Reiterbiomechanik und Bewegungsabläufe einbezieht.
Beide Ebenen sind notwendig – jedoch in der richtigen Reihenfolge und mit einem klaren methodischen Verständnis.
Fazit: Die Zukunft des Sattelfittings ist ganzheitlich
Die Folge zeigt deutlich, dass sich professionelles Sattelfitting zunehmend von rein produktorientierten Ansätzen hin zu einem ganzheitlichen, evidenzbasierten Verständnis entwickelt.
Hands-on Erfahrung, fundierte Ausbildung, interdisziplinäre Kommunikation und ein proaktiver Betreuungsansatz bilden dabei die Grundlage für nachhaltige Lösungen – sowohl für die Leistungsfähigkeit als auch für das Wohlbefinden des Pferdes.
Für Fachpersonen in der Pferdebranche bedeutet das:
Wer Sattelfitting wirklich verstehen will, muss über den Sattel hinausdenken – und Anatomie, Biomechanik, Training, Management und Kommunikation als zusammenhängendes System betrachten. Genau dort öffnet sich die „Black Box Sattel“ im Sinne einer wissenschaftlich fundierten Praxis.



